Der Köthenwalder Turm

Mehrfamilienhaus und Restaurant: Geplant von drei Handwerksmeistern im kommunalpolitischem Niemandsland zu Beginn des 20. Jahrhunderts / Schimmel Grimm erinnert sich

Es ist ein markantes Gebäude, der Köthenwalder Turm an der Köthenwaldstraße Nr. 1, den zu Beginn des 20. Jahrhunderts drei Handwerksmeister mit Weitblick im kommunalpolitischem Niemansland zwischen Lehrte und Aligse unter der Hausnummer 136 a aus der Taufe hoben. Laut Bauakte aus dem Jahre 1898 waren dieses der Zimmerermeister Heinrich Schneider aus Linden, der Tischlermeister Knocke aus Hannover und der Maurermeister August Dieckmann aus Aligse. Bauherr und Eigentümer des Grundstücks – das damals noch zu Aligse gehörte – waren Karl Köhler und Ehefrau Frieda.

Der Turm, der unter der Regie von Maurermeister Dieckmann aus dem Boden gestampft wurde, umfaßt sieben Wohnungen in drei Etagen mit ausgebauten Dachhauben sowie eine Gastwirtschaft, die bis zum Jahre 1909 von den Köhlers betrieben wurde. Aber bereits ab 10.12.1908 hatte August Ritter eine Ausschank-Konzession vom Magistrat der Stadt Lehrte erhalte, zumal er inzwischenKöthewalder Turm Eigentümer des gesamten Hauses Köthenwalder Turm geworden war. Ausgeschenkt wurde vom ersten Tag an “Härke”, da Ritter und der Brauereibesitzer H.Härke aus Peine seit langem befreundet waren.

Die Besitzverhältnisse hinsichtlich der im Turm untergebrachten Gastwirtschaft verliefen im Laufe der Jahre etwas verwirrend, so daß nicht im einzelnen nachzuvollziehen ist, wer wann Eigentümer und Chef hinter der Theke war. Laut Bauakten beantragte am 13. August 1909 Albert Tippe als Eigentümer den Ausbau der Schankstube, um am 11. Juli 1910 dort sein Restaurant Köthenwalder Turm zu eröffnen. Zu Beginn der 20er Jahre übernahm dann August Ritter selbst die Gastwirtschaft, die er später seiner Tochter Gunda übergab. Nach ihrem Tod im Jahr 1965 führte ihr Ehemann Wilhelm Gruner einige Jahre selbst die Wirtschaft weiter, in der die Pächter jedoch mehrfach wechselten, obwohl die “Kneipe” einen guten Ruf hatte.

Der Köthenwalder Turm im ursprünglichen Niemandsland.

Die Eisenbahner nannten sie scherzhaft “Scharfes Eck”, weil sie dort nach Feierabend ohne großen Umwege schnell ein Bierchen zischen konnten, erinnert sich der heute 88jährige Wilhelm Grimm, der im Köthenwalder Turm am 30. April 1913 das Licht der Welt erblickt hatte. Er selbst dürfte wohl als jüngster Besucher des Restaurants gelten, zwar nicht ganz freiwillig, wie er im nachhinein schmunzelnd feststellt. Er war erst wenige Wochen alt, als Eltern und Verwandte mit ihm von der Taufe in der Matthäuskirche zurückkehrten und vor dem Mittagessen sich noch schnell eine flüssige Stärkung in der Turmkneipe genehmigten. Klein Wilhelm, den seine Freude und LSV-Kameraden wegen seiner ehemals blonden Haare liebevoll Schimmel nennen, wurde auf einem Sofa in einem Nebenraum des Gasthauses abgelegt.

Frohgestimmt hatte die Taufgesellschaft nach ein paar Runden (oder waren es Stunden?) bei Kümmel und Bier das Wirtshaus verlassen und war die Treppen zur Turmwohnung hinaufgestiegen, um sich das Taufmahl schmecken zu lassen. Alle guckten sich fragend an, zumal sie schon ziemlich tief ins Glas geguckt hatten, Wilhelm Grimmals Mutter Friederike plötzlich wissen wollte, wo denn Klein Willi sei. Vorhin war er noch da, meinte Wilhelm, der stolze Vater. Niemand konnte sich genau erinnern. Gemeinsam ging auf sie Suche. Beim Turmwirt fand man schließlich den Täufling, friedlich schlafend auf dem Sofa, dort, wo man ihn hingelegt und vergessen hatte. Aus diesem Grunde – so Schimmel Grimm – ginge er auch heute noch gern zum Turm, um dort eine kühle Blonde zu kippen und in Erinnerungen zu kramen.

Wilhelm Grimm ist im Köthenwalder Turm geboren.

Im Laufe der Jahre wechselten die Besitzer des Turms, der seit 1974 einer Erbengemeinschaft gehörte, zu der auch die Hannoveranerin Thea Sieverling zählte. Doch inzwischen hat sie ihre Miterben ausgezahlt und ist seit 1980/81 alleinige Eigentümerin des Hauses Köthenwalder Turm Nr. 1.

Von außen machte das Wohnhaus einen ganz passablen Eindruck, aber auch ansonsten sind die Mieter im großen und ganzen zufrieden. Es gibt in allen Wohnungen Badezimmer und Toiletten, nur der frühere Garten mit den Obstbäumen mußte Garagen weichen. Natürlich hätten sie gegen eine weitere Modernisierung des Hauses nichts dagegen, nichts Halbherziges, wie zum Beispiel der Anstrich der Fassade, der nur die Hälfte des Wohnhauses umfaßt. Zu mehr war die Brauerei nicht bereit, erzählt Susanne Hanke, die junge Wirtin des “Turms”, die dort bereits sein sieben Jahren nicht nur für ein gut gezapftes “Härke” garantiert, sondern auch für erfreulich frischen Wind sorgt. Einmal im Monat gibt’s neben geistigen Getränken auch geistige Nahrung in Form von Musik, Lyrik und Theater, eine gute Mischung, die immer zahlreicher unter Jung und Alt Anklang findet.

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