Eines Deichgrafen Tochter war die letzte “richtige” Bäuerin auf Baxmanns Meierhof
By Lothar Rolf Luhm on Sep 20, 2007 in Allgemein
An ein Burgtor aus alter Zeit erinnern die beiden mächtigen Silos am Rande der Osterstraße in Lehrte, hinter denen sich ein gut 128 Jahre altes Bauernhaus verbirgt. Erbaut hatte es einst Ernst Friedrich Baxmann, der Dorothee Tenne aus Hannover gefreit hatte, die eine gute Mitgift mit in die Ehe gebracht hatte.
Bis vor rund einem halben Jahrhundert dienten die Silos der Silage von Rübenblatt.
Heute lagert in den über zehn Meter hohen Türmen allerlei landwirtschaftliches Gerät, von dem die Baxmanns sich nicht trennen mögen, obwohl der heute73jährige Heinrich Baxmann schon vor über 50 Jahren die Landwirtschaft an den Nagel. gehängt und seine Ländereien verpachtet hat. Letztmalig wurde er 1959 hinter dem Pflug am Rande der Goethestraße gesichtet.
Die riesigen Silos erinnern noch an jene Zeiten, in denen auf Baxmanns Meierhof noch Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden.
Weit älter als das 1876 erbaute elterliche Bauernhaus, in dem jetzt seine Schwester Gisela Nordmann mit Familie wohnt, ist die Sippe der Baxmanns. Es heißt, dass im Verlauf des 30jährigen Krieges ein Versprengter sich im Dorf niedergelassen habe. Ein Fähnrich sei es gewesen, der hier eine Maid gefunden habe und Bauer wurde. Für die Lehrter Bauern war er ein Unbekannter, zumal der Name Baxmann in der Umgebung bisher nicht bekannt war. Den heutigen Meierhof, dass hat Heinrich Baxmann herausgefunden, gab es bereits im 14. Jahrhundert. Die erste Nachricht über einen Meier des heutigen Baxmannhofes stammt aus dem Jahr 1540. Es war Henneke Rickmann, der drei Hufen Domland bewirtschaftete.
Erst 1667 erscheint plötzlich Tiele Baxmann der Ältere im Erbenregister dieses Meierhofes. Dieser Baxmann galt als Vollmeier und hatte drei Hufen Land unter dem Pflug. Das sind etwa 54 Morgen, für die er ein Meiergeld von zehn Reichstalern und 13 Maler Korn jährlich an den Lehnsherrn zu zahlen hatte. Tiele Baxmann, 1559 geboren, war mit Anna Hagemanns (1605-1693) verheiratet.
Baxmann Hof.
Seit dieser Zeit ist der Meierhof, der im Brandkataster die Nr. 18 trägt, in ununterbrochener Erbfolge in der Hand der Baxmanns. Nunmehr ist Heinrich Baxmann Herr von Haus und Hof an der Osterstraße 16. Bereits mit 18 Jahren musste er frisch von der Schulbank (1952) in die Bresche springen, da sein Vater 49jährig verstorben war.
Als Ratgeberin an seiner Seite stand bis zu ihrem Tode Anno 1974 seine Mutter Veronika, von der alte Lehrter sagen, dass eigentlich sie immer die “Hosen” angehabt habe. Vater Heinrich hatte seine Veronika kennengelernt, als er seinen Freund Wilhelm Wrede besuchte, der in Lehrte sein Baugeschäft aufgegeben und sich am Nordseestrand niedergelassen hatte. Mit einer reich verzierten über 300 Jahre alten Truhe, in der sich neben der Aussteuer auch reichlich Golddukaten befanden, entführte er 1930 die Tochter des Deichgrafen von Wremen nach Lehrte. Aufsehen erregte in der Hochzeitsrunde, als die damals 23jährige Veronika auch ihr Reitpferd mitbrachte, dass sie von ihrem Vater Adolf Sierck nebst Truhe zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte.
Heinrich Baxmann lässt es sich nehmen, stets überall nach dem Rechten zu sehen.
Im Lehrter Dorf heißt es respektvoll, dass des Deichgrafen Tochter die letzte “richtige Bäuerin” auf dem alten Meierhof gewesen sei, die jederzeit die Zügel fest in der Hand und das Herz auf dem richtige Fleck gehabt habe. Das rassige Reitpferd gibt es nicht mehr, doch die alte Truhe ziert auch heute noch die Diele des alten Bauernhauses.
Binnen und buten dem dorpe Lerthe
Nach einer alten Urkunde “Wat vor Meyers und Köthers in den frigen wonen und weme sse thokome” gab zunächst in Lehrte acht Meierhöfe, darunter auch jenen der Baxmanns, die allesamt kirchliches Eigentum waren und als Lehen an Edle und Ackerleute vergeben wurden. So überließ das Moritzstift in Hildesheim denen von Escherde bereits am 9. Juli 1294 “lenderyen in lerth” und Anno 1350 verpachtete das Bartholomäusstift “ein gud in lerth, eynen hove unde kothove binnen und buten dem dorpe” an die Gebrüder Hans von Schwichelt. Und im Jahr 1361 wird im Güterverzeichnis der Domprobstei Hildesheim vermerkt, dass für den Meierhof “allod Lerthe” vier Mark Pacht gezahlt werden musste. Darüber hinaus erhält er das Privileg, alljährlich zu Beginn der Erntezeit die Ernteglocke in der Nikolauskirche läuten zu lassen. Heute ist der 73jährige Heinrich Baxmann nicht mehr dem Bischhof in Hildersheim untertan und zahlt auch nicht mehr den Zehnten an die kirchliche Obrigkeit. Seine Vorfahren haben Anno 1820 durch eine einmalige 25fache Zahlung des Pachtzins die Gerechtsame aus der Welt geschafft. Heute kassiert bestenfalls die Stadt Lehrte. lrl
Ein Schnappschuss auf dem elterlichen Bauernhof in Wremen: Hoch zu Ros Bruder Theodor (links), Deichgraf-Vater Adolf Sierck, Mutter Erna und die junge Veronika. — Eine Zierde auf der Diele des alten Bauernhauses an der Osterstraße ist diese über 300 Jahre alte Truhe, die Veronika mit ihrer Aussteuer aus ihrer Heimat von der Nordseeküste mit nach Lehrte brachte. Ihr Vater, der Wremer Deichgraf Theodor Sierck, hatte ihr das Erbstück geschenkt.


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